Festakt zur Wiedereröffnung – Rückschau

Mehrere Jahre langwurde das Gebäude der Hochschule für Kirchenmusik saniert. Unterricht musste über zwei Jahre lang in Ausweichquartieren in und um Rottenburg stattfinden, Büros und Bibliothek waren in Containern untergebracht. Die Hilfsbereitschaft gegenüber der Hochschule seitens anderer Einrichtungen wie der Domsingschule Rottenburg, dem Martinihaus, der Liebfrauenhöhe Ergenzingen und der evangelischen Kirchengemeinde in Rottenburgwaren groß. Trotz der Strapazen, hervorgerufen durch lange Wege, akustisch schwierige Unterrichtsräume, Baustellenlärm etc. war das Durchhaltevermögen und Motivation aller Hochschulangehörigen immens und so konnte der Unterricht fortgeführt werden und die neu renovierte Hochschule lang ersehnt am 14. Juli 2022 offiziell eingeweiht werden.

Es war ein großes Hallo zwischen rund 140 Ehemaligen und derzeitigen Mitgliedern der Hochschule, Förderern und Ehrenmitgliedern, die bei herrlichstem Wetter unser stolzes in neuem Glanz erstrahlendes Gebäude bewundern konnten.

Im Festakt zur Wiedereröffnung erklangen in einem vollbesetzten Musiksaal sommerliche Chorwerke von Friedrich Silcher, Ch. Hubert Parry und Johannes Brahms. Die Studierenden der Chorleitungsklassen dirigierten abwechselnd den gemeinsamen Chor der Hochschulen für Kirchenmusik Rottenburg und Tübingen.

Rektor Stefan Palm bedankte sich in seiner Begrüßung sichtlich gerührt bei allen Beteiligten und erzählte einige Details zum Verlauf der Baumaßnahmen, von Hochs und Tiefs während der Bauphase und wie des Öfteren doch recht spontan auf Außerplanmäßigkeiten reagiert werden musste. Gleichzeitig musste Rektor Palm aber auch unseren geschätzten Kollegen Prof. Ruben Sturm verabschieden, der zukünftig als Domorganist der Frauenkirche München wirken wird.

Verabschiedung Prof. Ruben J. Sturm

Weihbischof Dr. Gerhard Schneider hielt nach zwei beflügelnden Chorwerken (If I had two Little Wings und O love, they wrong thee much von Parry) eine starke Rede auf die Kirchenmusik und ihre Notwendigkeit für die Gemeinden und Kirchen. Gerade nach zwei Jahren Corona, in denen Musik so schwerlich vermisst wurde sei noch klarer, wie essentiell Musik für das kirchliche Leben ist.

Architekt Johannes Schellinger erklärte in seinen Grußworten anschaulich alle baulichen Maßnahmen, die zu dem jetzigen hellen und einladenden Hochschulgebäude führten.

Höhepunkt des Festakts im Musiksaal war eine Auswahl der Liederliederwalzer von Brahms, mit viel Energie und Präzision vom Chor vorgetragen und biegsam und farbreich begleitet durch Julian Heinz und Alexander Kim am Klavier. Der Zusammenhalt der beiden Hochschulen Rottenburg und Tübingen wurde hier auf ein Neues spürbar. Dass die Studierenden zusammen mit ihren Dozent:innen mitten in den heißen Prüfungsphasen am Ende des Sommersemesters ein solch beachtliches Programm auf die Beine stellen konnte, soll ihnen hoch angerechnet sein.

Christian Litges

Im Anschluss an den Festakt wurde das Hochschulgebäude feierlich durch Weihbischof Dr. Schneider gesegnet. Dieser Segen wird uns bei unserer Arbeit und im Miteinander innerhalb der Hochschule lange bestehen bleiben. Das Zeremoniell geriet so innig, dass es einem danach fast schwer fiel, sich wieder den irdischen Dingen zuzuwenden. Letztendlich wurden die fein ausgesuchten Leckereien am Buffett dann aber doch dankend angenommen. Viele frohe Gesichter verteilten sich auf dem hellen freundlichen Flur und der Cafeteria. Stopp: der Flur ist vielmehr eine Galerie und der Abend gleichzeitig Ausstellungseröffnung mit großformatigen Öl-Gemälden des international renommierten Künstlers Günther Beckers. Welch ein Leben in unserer Hochschule!

Gut gestärkt gab es zu späterer Stunde einen musikalischen Spaziergang durch die Unterrichtsräume, in denen unterschiedlichste musikalische Beiträge zu hören waren. Alle Beteiligten haben ihrer Kreativität freien Lauf gelassen und in diesem Moment wurde besonders deutlich, welch breites musikalisches Spektrum die Ausbildung zur/m Kirchenmusiker:in fördert und fordert:

Es wurde von den Studenten Mario Falkenstein, Kilian Brunner und Johannes Stumpf ein improvisiertes Gespräch an drei Klavieren im Stile Beethovens geführt – natürlich nicht ohne augenzwinkernde stilistische Überraschungen, die für viele Lacher sorgten.

Improvisation

David Keller, Magdalena Huber und Min-Jung Kim musizierten Werke von Mendelssohn, Bach und Vierne auf unserer Stehle-Orgel.

Im Belcanto-Quartett der Klasse Christine Müller haben perfekt aufeinander abgestimmt und geswingt Min Jung, Magdalena Huber, Andreas Kaiser und Jinseok Kim, brilliant unterstützt von Min-Jung Kim am Klavier.

Belcanto-Ensemble

In schwindelerregendem Tempo haben sich 8 Musiker beim Pianistenkarussell um den Flügel gedreht und Lavignacs Galop-Marche für ursprünglich 4 Hände in einer Bearbeitung von Klavierdozentin Kerstin Mörk für 16 Hände aufgeführt. Neben Studierenden und Dozierenden waren hier sogar Rektor Stefan Palm und Leiter des Studiendekanats Andreas Großberger mit von der Partie.

Ein Ruhepol dagegen bildete der Beitrag von Prof. Inga Behrendt die mit ihrer Choralschola gregorianische Choräle zum Klingen brachte, bereichert durch Rezitationen gesprochen von Luise Wunderlich, unserer Dozentin für Sprechen.

Bravo und Danke an alle, die dabei waren! Auf, dass die gute Laune und der Zusammenhalt, die für einen solchen Marathon notwendig waren, noch lange bestehen bleiben.

Niemand weiß, wer als letztes das Gebäude verlassen hat, aber so manch einer konnte bestimmt nach noch mehr Feiern und Musik wohlverdient und praktischerweise in den oberen Stockwerken ins Bett fallen. Dass sich bei uns in Rottenburg das Studentenwohnheim direkt in der Hochschule befindet und im Zuge des Umbaus ebenso frisch herausgeputzt ist, muss ja nicht nur für die tägliche Unterrichts- und Übekoordination von Vorteil sein.

Aussenansicht

(Kerstin Mörk)

Hochschule in neuem Glanz

Die Hochschule für Kirchenmusik der Diözese Rottenburg-Stuttgart erstrahlt in neuem Glanze!

In den vergangenen zwei Jahren wurde unser Hochschulgebäude samt Wohnheim aufwendig renoviert, um unseren Studierenden aber auch Dozierenden höchste Qualität bieten zu können.

Im gleichen Atemzug entstand auch ein neues Corporate Design, welches die Hochschule auch in der digitalen Welt erstrahlen lässt.

Wir freuen uns auf und über Ihren Besuch – sowohl digital als auch analog.

Zwischen Wellness und Melancholie

Verheißungsvoll startete Philipp Amelung als Vorsitzender des Kulturvereins Zehntscheuer. Zwei perfekt aufeinander eingespielte Solisten, Flötist Henrik Wiese und Hochschulrektor Stefan Palm am Piano, boten am Sonntag hochkarätige Hörerlebnisse mit Sonaten von Mozart und französischer Moderne. Über den Sulzauer Hof zog sich eine nicht enden wollende Warteschlange, geduldig reihten sich die Konzertbesucher weit hinten bei der Eich ein.

Mit einem energischen Flötenton eröffnete Henrik Wiese die Sonate B-Dur, KV 454. Wolfgang Amadeus Mozart hatte diese für eine junge Geigerin geschrieben und bei der Uraufführung selber den Klavierpart ohne Noten übernommen und damit seinen Humor erkennen lassen. Etwas davon wurde auch in diesem Konzert deutlich, denn Wiese verwendete für dieses effektvolle Stück die Transkription für Flöte von Konrad Hünteler, obwohl, wie er angab, er auch selber solche Experimente unternehme.

Die Kunstfertigkeit beider Interpreten, dazu noch die hervorragende Akustik der Zehntscheuer, vermittelte einen überraschenden Klangeindruck. Während in Referenzaufnahmen die Instrumente mitunter verwischen, traten hier mit jedem Ton in allen Verzierungen zwei ebenbürtige und klar erkennbare Partner zutage. Im Allegro des ersten Satzes wetteiferten die Beiden in Spielfreude, sich mal leicht vordrängend, mal wieder dem Anderen den Vortritt überlassend. Im Andante in Es-Dur des zweiten Satzes war die Flöte voll in ihrem Element mit klagenden dunklen Partien, im dritten Satz füllte ein ausgeprägtes Forte den Raum, bis beide Instrumentalisten nach einem geschmeidigen Dahingleiten dem glanzvollen Abschluss entgegen jagten.

Von völlig anderem Charakter schloss sich daran die Ballade für Flöte und Piano des Schweizer Komponisten Frank Martin an. Dieses 1939 komponierte Stück gehört inzwischen zu den Klassikern der Flötenliteratur. Dieses zwölftönig orientierte Opus zwischen konservativen und avantgardistischen Strömungen ließ kurzzeitig an Elemente wild-ausgeprägten Jazz denken, während sich das Piano in ruhigen Ostinato erging. Nach Passagen wild hingeworfener Tonfetzen versank Wiese, ganz in sich versunken, solistisch in einer elegischen Melodie. In steigernder Dynamik wuchs Palms Pianobegleitung zu einem kochenden Brummen an, gegen Ende vermeinte man Vogelgezwitscher zu vernehmen, das Wiese seiner Flöte entlockte, bis Palm diesem Stück einen wuchtigen Abschlag versetzte.

Von der Trauer zur Wohlfühloase

Mozarts Sonate a-Moll KV 310 gilt als seine dunkelste, steht sie doch im Zusammenhang mit der trüb-verzweifelten Stimmung beim Tode seiner Mutter bei einem Paris-Aufenthalt. Mit festem Anschlag und Pedaleinsatz bei einem zügigen Tempo vermied Prof. Palm als Solist jede unnötige Sentimentalität, womit er besonders die Studierenden seiner Hochschule für Kirchenmusik beeindruckte. Den Wechsel zwischen Aufbäumen und Resignation setzte er mit heftigen Akzenten im markanten Einsatz der linken Hand bei gleichzeitig flirrendem Tremolo der rechten. Wuchtig dunkle Schläge des abschließenden Presto-Satzes machten auf bedrückende Weise durchdringende Trauer deutlich.

(Hans-Michael Greiß)